Kündigung

Die Zeiten, in denen wir unser gesamtes Berufsleben in einem Unternehmen, einer Institution bzw. in einem Beruf verbracht haben, sind unwiederbringlich vorbei, besonders bei technologischen Umbrüchen, wie derzeit durch die KI.
Brüche in unserer Erwerbsbiographie, Umschulungen, berufliche Neuorientierung sind vorprogrammiert.
Entlassungen sind schmerzhafte Abschiede aus der Komfortzone, die wir häufig als persönliche Kränkungen durch die Geschäftsleitung empfinden.
An dieser Stelle möchte ich nicht die anstehenden, wichtigen administrativen (Meldung beim Arbeitsamt) und juristischen Schritte, die zeitnah gemacht werden müssen, besprechen, sondern vorwiegend die mentalen Folgen, die eine Kündigung und anschließende Entlassung auslösen kann, gerade wenn du ein leistungsorientierter Mann bist.
Die kalte Macht der Kennzahlen
vergangenes Engagement wird nicht honoriert

Wenn Firmen wirtschaftlich in Schieflage geraten, geht der Blick in Richtung Zukunft, wie das Unternehmen wieder fit gemacht werden kann. Üblicherweise werden Kennzahlen für die Bestandsaufnahme herangezogen, um die Bereiche zu identifizieren, die nicht wettbewerbsfähig sind. Da wir in einem wohlhabenden Land mit einem hohen Lohnniveau leben, die Arbeitskraft im internationalen Vergleich teuer ist, wird in den überwiegenden Fällen die Anzahl von Mitarbeitern, der head-count, reduziert. Betriebsbedingte Kündigungen sind die Folge.
Da ältere Mitarbeiter in der Regel teurer sind als jüngere, wird das Unternehmen die teureren, verdienten Mitarbeiter freizusetzen. Wenn die Kündigung nicht über eine fairen Auflösungsvertrag mit Abfindung sozial abgefedert ist, sind die entlassenen Mitarbeiter maximal enttäuscht. Sie haben sich häufig in den letzten Jahren oder gar Jahrzehnten mit all ihrer Kraft und darüber hinaus für das Wohl des Unternehmens eingesetzt und erwarten verständlicherweise - aber vergebens - dass die in der Vergangenheit erbrachte Leistung bei der Auswahl der zu Entlassenden berücksichtigt wird. Wird es aber nicht.
Das erzeugt Wut, Enttäuschung, Angst und Trauer.
Entlassung als würdelose Abwicklung

In vielen Fällen fehlt es an einer würdigen Verabschiedung der Entlassenen durch die Vorgesetzen oder die Geschäftsleitung, die sich ja „mit voller Kraft der Rettung des Unternehmens widmen müssen“ und die in vielen Fällen die unangenehme und gegebenenfalls emotional herausfordernde Konfrontation mit den verdienten Mitarbeitern scheuen.
Dadurch fühlen sich die Entlassenen würdelos „abgewickelt“.
Es gibt häufig keine Möglichkeit, eine reale Person zur Rede zu stellen, verantwortlich zu machen, der gegenüber man sein Unverständnis, seine Enttäuschung und seine Wut auszudrücken kann. Es entsteht ein Gefühl der Ohnmacht, vergleichbar mit einer endlosen Warteschleife bei einem dringenden Anliegen oder dem vergebliche Versuch, statt einem chatbot einen realen Gesprächspartner ans Telefon zu bekommen.
„Ich leiste, also bin ich“
Arbeit ist mehr als deine Einkommensquelle

Viele von uns Männern, besonders die in einem kompetitiven Umfeld wie der Wissenschaft oder der freien Wirtschaft arbeiten, definieren sich über die Leistung, die sie erbringen.
Die Position in der Institution, der Unternehmenshierarchie, die Gehaltsstufe, die Anzahl der ihnen unterstellten MitarbeiterInnen und das verantwortete Budget spiegelt dabei ihre Bedeutung wider.
Wird einem Leistungsträger unverhofft entlassen, bricht nicht nur das Einkommen ein, sondern es ist zu erwarten, dass er emotional erschüttert und massiv verunsichert wird, da die Quelle seines Selbstwertgefühles und Selbstbewußtseins, die (Leitungs-) Position in der Institution, im Unternehmen versiegt ist. Vor Kurzem noch gefragter Entscheidungsträger, vielleicht Mitglied der Führungsebene, „wichtig“, fällt man meistens nach der Freistellung in ein emotionales Loch.
Die durchgetaktete Tagesstruktur des erfolgreichen Machers weicht einer beängstigenden und erschlagenden Leere, wenn 24 h am Tag nun frei verfügbar sind und ohne Arbeit gestalten werden müssen: keine dienstlichen Telefonate, Meetings, Dienstreisen, Kongresse etc. mehr. Auch die vielen sozialen Kontakte zu Kolleginnen und Kollegen beziehungsweise auch zu Geschäftspartnern fallen schlagartig weg. Man kann mit Fug und Recht von einem „kalten Entzug“ sprechen.
Das Bedrohliche an der ungewohnten Leere ist häufig, das persönliche Themen, die sehr erfolgreich durch das rasante, glitzernde Berufs- und Privatleben verdrängt worden sind, nun mit Macht anklopfen und ins Bewußtsein drängen.
Wer sich hauptsächlich durch Leistung definiert und keine Leistung mehr erbringen kann, beispielsweise weil er keine Führungsposition mehr bekleidet oder krank geworden ist, fällt in der Regel in ein Loch, einen depressiven und /oder ängstlichen Zustand, da er sich selbst nun als wertlos und ohnmächtig erlebt.
Die unfreiwillige "Disruption" kann zu einer Neuausrichtung der Ziele und Werte im Leben führen.
Erosion des sozialen und ökonomischen Status

Hinzu kommen die „Kollateralschäden“ an unserem sozialen Status, wenn im Kollegen und/oder Bekanntenkreis bekannt wird, dass man entlassen worden ist. Die allererste und naheliegende Annahme besteht ja darin, dass der Entlassene die geforderte Leistung anscheinend nicht mehr erbracht hat, sonst hätte man ihn ja wohl nicht entlassen. Unverschuldet haftet ein Makel an dem Entlassenen. Arbeitslos zu sein ist gesellschaftlich negativ konnotiert. Und natürlich hat die Entlassung auch Auswirkungen auf den Lebensstandard.
Ökonomische Grundlage bröckelt – eine doppelte Bedrohung
In der Regel spiegelt sich die Höhe des Einkommens in dem Lebensstandard eines Mannes wider. Je mehr er verdient, desto aufwendiger ist der Lebensstil. Während es für den einen um die Bedienung des Darlehns für das kleine Häuschen geht, kann es sich im anderen Fall um die hochwertige Immobilie in bester Lage, den Firmenwagen oder die Mitgliedschaft in exclusiven Vereinen, Clubs, Gesellschaften drehen.
Wenn die üblichen monatlichen Einkünfte aufgrund von Kündigung und Entlassung wegbrechen, wird der bisherige, liebgewonnene Lebensstandard schwerlich aufrechterhalten werden können. Ja nach konkreter Lebens- und Einkommenssituation kann das verringerte verfügbare Budget eine reale, finanzielle Bedrohung sein oder aber - für die Betroffenen nicht unbedingt weniger gravierend - als eine Bedrohung des Selbstverständnisses bzw. des Selbstwertgefühles wahrgenommen werden.
In unserer Welt des besser, schneller, höher ist ein „down-sizing“ nicht vorgesehen.
In beiden Fällen kann es zu einer massiven Verunsicherung kommen.
Loslassen und berufliche Neuorientierung
Vergleichbar mit einer Trennung oder dem Tod eines nahestehenden Menschens gilt es nun, die Kündigung und Entlassung als gegebene Realität anzuerkennen und loszulassen. Nicht selten durchlaufen wir dabei verschiedene emotionale Stadien - besonders Wut, aber auch Trauer oder auch Scham - die aber final in einer radikalen Akzeptanz der Realität münden sollten, um mit diesem Kapitel deines Lebens abzuschließen zu können.
Es ist wichtig, die schwierigen Gefühle zu akzeptieren und ihnen Raum zu geben. Gefühlte Gefühle lösen sich von selbst auf, verdrängte Gefühle binden Energie und belasten dich latent im Hintergrund.
Wenn wir nicht mehr in der Vergangenheit „hängen“, können wir uns der Zukunft zuwenden, uns neu orientieren und ausrichten. Es kann sein, dass sich durch die schmerzlichen Erfahrungen der Entlassung Verschiebungen in deinen Zielen und Werten ergeben.
Die unfreiwillige „Herausforderung“ der Kündigung kann sich vielleicht sogar als positive Wendung in deinem Leben entpuppen, wenn du die Chancen dahinter erkennst und du offen für eine berufliche Neuorientierung bist, gemäß W. Churchill:
"Never waste a good crisis!"
Kündigungen und Entlassungen gehören psychologische gesehen zu den „kritischen Lebensereignissen“ wie Verlust einer nahestehenden Person, Umzüge, Nachwuchs kriegen, etc., die ein Individuum massiv belasten und verunsichern können.
In dieser Situation ist es äußerst hilfreich, einen kompetenten Gesprächspartner an seiner Seite zu wissen, der dich in der Phase der Akzeptanz der Kündigung, des Loslassens und der beruflichen Neuorientierung unterstützt.