Wie entwickeln sich Beziehungen?
Beziehungsmodel nach Stephan W. Ludwig
Take-home:
Langjährige Beziehungen durchlaufen verschiedene Phasen:
Nach der Initialzündung und der "hormongeschwängerten", symbiotischen Paradiesphase, tritt in der Phase der Grenzklärung „Ernüchterung“ ein, nämlich dass der Partner ein eigenständiges Individuum ist. Nun gilt es zu klären, wieviel „wir“ und „ich“ beide Partner wünschen. Viele Beziehungen scheitern bereits in dieser Phase!
Wenn beide Partner trotz dieser „Ernüchterung“, ein Ja füreinander finden, ist die Basis für eine langfristige und tragfähige Beziehung gelegt (Ja-Wort). In diesem verlässlichen Rahmen können sich beide Partner voll entwickeln und ihre ungeliebten Eigenschaften und inneren Widersprüche integrieren (Co-Evolution). Stellt sich dann das Paar gemeinsam in den Dienst einer Aufgabe zum Wohle anderer, wird dies Co-Kreation genannt.
1. Initialzündung
Es ist nicht immer Liebe auf den ersten Blick. Aber auch bei einer (langjährigen) Bekanntschaft gibt es einen Moment oder ein wachsendes Verständnis, den anderen als potenziellen Partner zu sehen, fühlen und zu denken.
- Paradiesphase
Diese Phase bedarf am wenigsten der Erläuterung, da sie allseits bekannt und ersehnt ist: die anfängliche Verliebtheit, die Schmetterlinge im Bauch, die rosarote Brille, der Zauber des Neuanfangs, das Abenteuer, das Unbeschwerte, das Andere (als die verflossene Partnerin), das körperliche Bedürfnis nach Nähe, Vereinigung und Verschmelzung.
Diese Phase ist ein „Selbstläufer“! Sie ist gekennzeichnet durch das Bedürfnis, alles gemeinsam machen zu wollen, alles zu teilen. Nur Du und ich, es ist die symbiotische Phase der Beziehung, wie damals Adam und Eva im Paradies. Es gibt keine Probleme, die Außenwelt wird ausgeblendet.
Wir wünschen uns, dass diese Phase ewig anhalten würde.
- Grenzklärung
Wenn das Dopamin der Paradiesphase, des Verliebtseins abgeebbt ist, dann erkennen wir, dass unsere neue Liebe auch Ecken und Kanten bzw. andere Vorstellung als wir hat, dass sie ein eigenständiges Individuum ist. Dies hatten wir im Rausch der Hormone und Gefühle bisher nicht wahrgenommen. Die unbeschwerte Leichtigkeit trübt sich ein, es beginnt in der Beziehung zu haken, ...die erste Bewährungsprobe.
Der anfängliche Selbstläufer wird zur Arbeitsaufgabe.
In dieser Phase gilt es zu herauszufinden und zu verhandeln, wieviel Eigenständigkeit und Gemeinsamkeit die Partner leben möchte, es geht um Abgrenzung. Es ist das immer wieder neu auszubalancierende Verhältnis von Autonomie und Bindung in der Partnerschaft, zwischen dem ICH und dem WIR.
Viele Beziehungen enden schon in dieser Phase, da ein diffuses Unwohlsein, das unterschwellige Genervtsein oder der offene Streit als Indikator dafür herangezogen wird, dass es sich doch nicht um die „richtige“ Partnerin handelt, … sehr häufig ein Irrtum. Wenn die Beziehung immer an dieser Stelle abgebrochen wird, durchlaufen die Partner immer nur die ersten drei Beziehungsstadien (Initialzündung, Paradiesphase, Grenzklärung) ohne je zu einem tragfähigen Ja-Wort, zu einer erwachsenen Beziehung zu kommen.
Die Verhandlungen, die Auseinandersetzungen, der Streit über das Verhältnis von Eigenständigkeit und Gemeinsamkeit ist ein unverzichtbarer, notwendiger Teil der Entwicklung und führt zu einer erwachseneren und tieferen Beziehung.
Nur sollte die Verhandlung, der Streit konstruktiv geführt werden und der Klärung der gegenseitigen Bedürfnisse dienen und nicht der „Abstrafung“ der Partnerin oder des Partners. Ein konstruktiv gelöster Streit schafft mehr Klarheit und läßt eure Beziehung reifen.
- Ja-Wort
Mit dem Ja-Wort ist nicht die Hochzeit gemeint, sondern, dass die Partner in dieser Phase in voller Akzeptanz der Individualität, der Andersartigkeit des Partners, in vollem Verständnis seinen Ecken, Kanten und ungeliebten Eigenarten diese Beziehung bejahen. Dabei wird die Individualität, die Andersartigkeit des Partners nicht verdrängt, sondern liebevoll als Teil des „Gesamtpaketes“ akzeptiert.
Letztendlich ist das die „Verabschiedung“ von unserem kindlichen Wunsch, der Illusion einer idealen Partnerin, der edlen, reichen, schönen und liebevollen Prinzessin, bzw. des edlen Prinzens auf dem Schimmel.
Mit diesem Ja-Wort entscheide ich mich - zumindest zunächst auf unbestimmte Zeit - für eine ganz bestimmte Partnerin und schließe damit gleichzeitig andere "Optionen" aus. (Natürlich gibt es auch andere Beziehungskonzepte wie die offene Beziehung, die Polyamorie, …).
Damit ist die Basis für eine ernsthafte und dauerhafte Beziehung gelegt: Wer will, kann jetzt auch heiraten!
- Co-Evolution
Wie oben erwähnt ist eine Beziehung ein dynamischer Entwicklungsprozess. Im Laufe der Beziehung werden hoffentlich beide Partner wachsen und sich entwickeln, d.h. sich verändern. Damit begegnen sich – streng genommen- immer zwei „andere, neue“ Individuen.
In der emotional und körperlich intimen Partnerschaft und des gegenseitigen Angenommenseins haben wir die Chance, persönlich zu wachsen, zu reifen, uns zu zeigen, wie wir wirklich sind und unsere ungeliebten Eigenschaften und inneren Widersprüche („Schattenseiten“) zu integrieren und zu dem zu werden, der wir sein wollen. Eine Riesenchance!
Damit das gemeinsame Wachstum, die gemeinsame Entwicklung (Co-Evolution) gelingen kann, ist von beiden Seiten ein hohes Maß an Mut und Offenheit für eine ehrliche Kommunikation erforderlich:
Ein bewährtes Format ist ein regelmäßiges, internes Paargespräch (ohne Begleitung), in dem die Partner über sich berichten, ihre schönen Erlebnisse aber auch ihre Schwierigkeiten, ihre Not, ihren Ärger, sowie ihre Sehnsüchte und Wünsche teilen.
Dabei stehen zwei Fragen in Vordergrund:
1. Wie geht es mir?
2. Wie geht es mir mit dir?
Hier geht es vor allem um aufmerksames Zuhören und Verstehenwollen, wo der Partner gerade steht, nicht um Diskussionen. Jeder Partner hat eine vorher festgelegte Zeit (beispielweise 10 Minuten) zum Sprechen, in der der andere Partner nur zuhört, nicht unterbricht, erwidert oder auch nur durch Gestik und Mimik "kommentiert". Nach Ablauf der Zeit wechseln die Rollen.
Es kann eine zweite Rederunde gemacht werden, in der man sich dann auch zu Aussagen des Partners aus der ersten Rederunde äußern kann ("Wie habe ich die Situation erlebt, die du eben geschildert hast").
Die Stufe der Co-Evolution erfordert die Bejahung eines sich ständig im Wandel befindlichen Zusammenlebens. Das sieht nach Arbeit aus und es ist auch Arbeit! Der Lohn für diese Arbeit ist aber eine spannende und lebendige Beziehung, die nicht in der Langeweile eines eingefahrenen Alltags versinkt und die vielleicht sogar - in wachsendem Vertrauen, Verbundenheit und Liebe- lebenslang trägt.
- Co-Kreation
Wenn sich das Paar entschließt, den Fokus der Partnerschaft zu weiten und zu öffnen, d.h. gemeinsam zum Wohle der Allgemeinheit zu gemeinsam arbeiten, beispielsweise bestimmte Projekte durchzuführen oder zu unterstützen, dann befindet sich das Paar im Entwicklungsstadium der Co-Kreation.
Aus der Beschreibung der unterschiedlichen Stadien einer Beziehung kannst du herauslesen, in welchem Stadium ihr euch gerade befindet und welche „Aufgaben“ bzw. Schritte gegebenenfalls in der nächsten Zeit auf euch zukommen bzw. bei euch anstehen könnten!